4. Jerusalem Marathon
21. März 2014
Ein Reise-, Veranstaltungs- und Laufbericht von einem Teilnehmer am 10-Kilometer-Lauf in Israel, der quasi durch zwei Länder führt
 

Nir Barkat hat Großes vor. Er ist Marathonläufer und Bürgermeister von Jerusalem und will die Laufveranstaltung seiner Stadt zu einer der ganz Besonderen machen. Mit seiner Stadtverwaltung, der Hilfe vom Soldaten, Polizisten und Helfern aus dem Zivilbereich soll der Jerusalem Marathon weit über die Grenzen Israels bekannt werden. Marathon-, Halbmarathon- und 10-Kilometer-Läufer starten im Sacher-Park südlich der Knesset mit ihrer Besichtigungstour durch die außergewöhnliche Stadt. Das absolute Highlight des Parcours für alle drei Distanzen ist ein kurzer Abstecher in die Altstadt. Durch das Jaffator an der Davidsfestung gelangen die Athleten in das armenische Viertel und tauchen in die Geschichte der altehrwürdigen Stadt ein. Sie laufen auf Wegen, auf denen sich in den letzten 4.000 Jahren so viel abgespielt hat - und wo von fleißigen Schreibern über tausende von Jahren so viel festgehalten wurde.

Nicht alle freuen sich über die ausgelassene Läuferschar, die wenig später friedlich die Altstadt durch das Zionstor verlässt. Palästinenser sehen in der Streckenführung schlichtweg eine Provokation. Jerusalems Altstadt und Ostjerusalem ist von Israel besetztes Gebiet und gehört auch nach internationalem Verständnis nicht zu Israel. Zwei Tage vor dem 1. Jerusalem Marathon explodierte in der Nähe von Kilometer "1,5" eine Bombe. Eine britische Touristin wurde getötet, vierzig Menschen wurden verletzt. Bei jedem weiteren Lauf gab es Kritik von palästinensischer Seite. So auch bei der vierten Auflage. Rund 100 Protestierer standen am Straßenrand, einige davon versuchten vergeblich den Lauf zu stoppen, bis sie von der Polizei abgeführt wurden. Für den Lauf waren nach grober Schätzung 1 bis 2 Tausend Polizisten abgestellt worden, die von bewaffneten Soldaten unterstützt wurden.

Die Ablehnung des Jerusalem Marathons führte auch dazu, dass am 21. April 2013 der 1. Palästina Marathon in Bethlehem veranstaltet wurde. Aber nicht jedem, der dort teilnehmen wollte, wurde die Teilnahme von israelischer Seite gestattet. Nader al-Masri, einem palästinensischen Langstreckenläufer, wurde das Verlassen des Gazastreifens nicht erlaubt. Al-Masri hatte als einziger Palästinenser an den Olympischen Spielen 2008 in Peking teilgenommen.

Sicherheit wird in Israel verständlicher Weise ganz groß geschrieben. Das beginnt schon in Deutschland im Flughafen Frankfurt. Drei Stunden vorher sollte man da sein, denn auch die persönliche Befragung jedes einzelnen Reisenden durch Israelis braucht seine Zeit. Am äußersten Ende des Terminals 2 befindet sich der Flugsteig der El Al, der von bewaffneten Personen des Grenzschutzes bewacht wird. Alles in allem erwartet den Fluggast eine gründliche, aber nicht taktlose oder lästige Prozedur, denn Israel setzt in Zukunft auf mehr Reiseverkehr. So wird auch kein Einreise-/Ausreisestempel in den Pass gedrückt, sondern ein "Border Control" und "Exit Permit" Zettel eingelegt (der Stempel machte bis vor kurzem den Pass für neun arabische Länder unbrauchbar).

Im schicken Jerusalem International Convention Center (ICC) findet die Ausgabe der Startunterlagen, die Marathonmesse und Pastaparty statt. Auch hier müssen alle Besucher durch eine Sicherheitsschleuse während Taschen durchleuchtet werden.

Jerusalem Marathon Start- und Zielareal. Jerusalem Marathon. 10-km-Läufer auf der Jaffa-Road.

Für die Zeit in Jerusalem wohnen die Laufreiseteilnehmer von Nils Krekenbaum (laufreisen.de) im Hotel Caesar. Bis Zum Sacherpark, dem Treffpunkt der Athleten mit der Logistikzone, sind es 15 Gehminuten. Von dort aus suchen die Läufer zu den vorgegebenen Zeiten das Startareal auf der Ruppin Road auf. Als erstes begeben sich die Marathonläufer um 06:40 Uhr auf ihre lange Reise durch Jerusalem. Zum einen so früh, um den Ausdauersportlern die schon intensive Mittagssonne zu ersparen. Zum anderen, damit alle Siegerehrungen und Abschlussfeiern beendet sind, bevor der Shabbat anfängt. Der Stadtlauf Jerusalem findet immer am Freitag statt. Freitag und Samstag sind die arbeitsfreien Tage in Israel und am Sonntag fängt die Arbeitswoche an. Der Shabbat fängt am Freitag nach Sonnenuntergang an und dauert bis Samstag nach Sonnenuntergang. Er ist ein Ruhetag, an dem für den Strenggläubigen keine Arbeit verrichtet werden soll. So weit, so gut. Erst durch die Auslegung, welche Tätigkeiten Arbeit sind, wird die Angelegenheit kurios. Autos dürfen nicht gefahren werden: Das fällt unter die Auslegung der Arbeit. Schalter dürfen nicht betätigt werden: Das fällt ebenso unter die Auslegung der Arbeit. Im Hotel Caesar gibt es einen Shabbat-Fahrstuhl, in dem der orthodoxe Jude ans Ziel kommt, ohne einen Schalter zu betätigen (das funktioniert ohne Personal und Spracherkennung). Nach dem Lauf im Hotel angekommen, wollte der Berichterstatter mit seiner Frau einen Espresso trinken. Das war nicht möglich, da dazu ein Schalter betätigt werden musste (nach Sonnenuntergang). Möglich war aber ein Kaffee - der freundlicher Weise in hoher Konzentration hergestellt wurde.

Der Berichterstatter startet um 10:10 Uhr. Zuvor haben sich schon zwei weitere Gruppen der gleichen Laufstrecke im 20-Minuten-Abstand auf den Weg gemacht. Obwohl auf den Fotos der Eindruck einer hohen Läuferdichte entsteht, ist es an den Stadttoren der Altstadt zu keinen Staus gekommen. Nach dem Passieren des Jaffators haben die Athleten Israel verlassen und befinden sich nun in dem von Israel besetzten Teil von Palästina. An den Toren stehen Soldaten mit Gewehren aber ansonsten merkt man auch am Zionstor nichts von einem Grenzübertritt.

Die Stimmung im 7.463-Läufer-Feld auf dem 10-Kilometer-Parcours ist hervorragend. Blauer Himmel von morgens bis abends und angenehme Wärme für Freizeitsportler und Zuschauer. In der Klimatabelle sind für März max. 20 °C und 9 Sonnenstunden angegeben. Dass das Wetter auch ganz anders sein kann, zeigen die Aufzeichnungen vom 2. Jerusalemlauf 2012: "Kälte und Regen" und vom 3. Lauf 2013: "trocken und kalt".

Wenn auch die Temperaturen ab dem Start 06:20h/06:40h für 21km/42km für den Leistungssportler noch recht gut sind, ist mit Bestzeiten auch in der Heiligen Stadt nicht zu rechnen. Dazu ist der Kurs einfach zu hügelig und hat zu viele enge Kurven. Marathonläufer müssen auf ihrer Runde 750 Meter "erklimmen", auf die Halbmarathonteilnehmer warten 350 Meter und die 10er-Läufer lernen es kennen, was aufsummierte 250 Höhenmeter kurz vor Mittag in der Sonne von Jerusalem bedeuten.

Halbmarathon- und 10-Kilometer-Teilnehmer laufen in ein Ziel auf der Ben Zivi Avn. (neben dem Sacherpark) ein. Nur für sein Lieblingskind Marathon hat der Bürgermeister im Ziel Sacherpark einen 100 Meter langen "Teppich" ausrollen lassen. Die Jerusalemer Laufveranstaltung gab es schon als Halbmarathonlauf von 1992 bis 2010. Dann fügte Barkat einen Marathon hinzu und fing bei der Zählung wieder mit "1" an.

Siegerzeiten Jerusalem-Marathon 21.03.14
02:16:08 h
Ronald Kimeli Kurgat
02:47:21 h
Alemtsehay Mesfin Den

1.489 Marathon-Finisher 2014 sind für einen zukünftigen "Global Player" noch nicht so viel, aber immerhin betrug der Anstieg in der Königsklasse in diesem Jahr satte 78 Prozent (21 km: 46 %; 10 km: 27 %). Es hat sich also gelohnt, dass der Veranstalter weltweit die Werbetrommel rührt und Multiplikatoren nach Israel einlädt. Obwohl die Laufveranstaltung ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis hat, stehen dem umtriebigen Bürgermeister mit der Stadtverwaltung als Veranstalter sicher erhebliche Möglichkeiten und Mittel zur Verfügung. Bleibt nur zu hoffen, dass das nächste Stadtoberhaupt die gleiche heftige Liebe zum Laufsport empfindet. Bei seiner Wiederwahl hat Nir Barkat sein Amt nur knapp gegen die Ultraorthodoxen gewonnen.

Jerusalem Marathon. Läufer erreichen die Altstadt. Trainingsläufe im Kibbuz Lavi Region Tiberias.

Der Jerusalem Winner Marathon ist eine gut organisierte Veranstaltung vor der einmaligen Kulisse einer uralten Stadt. Ungewöhnlich ist die Tatsache, dass eine Stadtverwaltung einen Marathon durchführt. Bei den Erfolgszahlen (absoluten Zahlen) nimmt Laufkollege Nir es nicht so ganz genau. Das machen aber andere genauso. Schon im letzten Jahr sprach Barkat von 25.000 Teilnehmern in den Hauptwettbewerben. Und genau diese Zahl geistert durch die gesamte Sportmedienwelt. Tatsächlich waren es nur 9.427 Finisher (2013) auf den Distanzen 42 km, 21 km und 10 km. Er sollte eigentlich wissen, dass nur die Zahl der Finisher eine geeignete und vor allem vertrauenswürdige Größe darstellt. Die Zahl der Finisher, die ohne Chip einlaufen (wie z.B. beim Champion-Chip-Einsatz) ist in Jerusalem verschwindend gering, da die Zeiterfassung in der Startnummer integriert ist.

Laufveranstaltungen in Israel und Palästina
Datum
Laufveranstaltung
Ort
Strecken
Finisher
seit
27.03.2014
4. Jerusalem Marathon
Jerusalem
42, 21, 10 + 5 km
13.454 (2014)
2011
29.11.2013
3. Desert Half-Marathon
Eilat
21, 10 + 5 km
1.000 (ca.)
2011
10.01.2014
37. Tiberius Marathon
Tiberias
42 + 10 km
2.520 (2013)
1977
28.02.2014
18. Tel Aviv Marathon
Tel Aviv
42, 21, 10 + 5 km
35.000 Teiln.?
1981
08.02.2014
31. Ein Gedi Lauf
Ein Gedi
21 km
716 (2013)
1974
11.04.2014
2. Palaestina-Marathon
Bethlehem
41, 21 und 10 km
401 (2014)
2013

Bei der Lauferlebnisreise Israel 2014 von Nils Krekenbaum haben 40 Teilnehmer mitgemacht. Die Jerusalemer Laufveranstaltung war eingerahmt von einer Rundreise durch Israel, die von Nils und einem israelischen Reiseleiter begleitet wurde. Auf der 950 Kilometer langen Busreise konnten die Gäste die faszinierende Vergangenheit und aufregende Gegenwart des Staates Israel kennen lernen. Sie hatten in Jerusalem die Möglichkeit neben zahlreichen anderen Sehenswürdigkeiten die Klagemauer (eine der wichtigsten religiösen Stätten des Judentums) und die Grabeskirche (eines der größten Heiligtümer des Christentums) hautnah zu erleben. Weiter führte Tour zur Felsenfestung Massada, nach Bethlehem, Nazareth, Genezareth, Tiberias, Kapernaum, auf die Golanhöhen, sowie zur Kreuzfahrerfestung Akko und in die Städte Haifa und Tel Aviv. Auf dem Weg nach Bethlehem erlebten sie die Einreise durch eine Öffnung in der acht Meter hohen Sperrmauer und verbrachten eine Nacht in Palästina. Natürlich gehörte auch hier ein Trainingslauf dazu. Ganz früh am Morgen. Und dabei wurden fast alle Hunde in Bethlehem geweckt, die die Läuferschar mit nicht enden wollendem Gebell begrüßten.

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Link zum Picasa-Album Jerusalem Marathon - 10-km-Lauf
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Link zum Picasa-Album Jerusalem Marathon - Trainingsläufe
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Link zum Picasaalbum Jerusalem Marathon - Israel Land und Leute
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RL, Endurence- and Survival-Runner, 01.05.14
Finisher Jerusalem Marathon 2014
42 km
21 km
10 km
5 km
Summe
1.489
3.971
7.463
531
13.454
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Hintergrundfoto: Die Zehn-Kilometer-Läufer erobern die Altstadt von Jerusalem.