M a r a b a n a
 
Laufveranstaltung am 489. Jahrestag der Gründung der Stadt San Cristóbal de la Habana (Havanna)
 
16. November 2008
 

Die Vorbereitung einer größeren Reise ist bei mir immer mit ein wenig Aufregung verbunden. Das ist wohl normal so und ich war schon dabei, die ersten Sachen zusammenzukramen, als die Meldung vom Hurrikan "Paloma" durchs Radio kam. Regina (Ehefrau, und diesmal nicht bei der Laufreise dabei) geriet sofort in Sorge und helle Aufregung. Meine Bedenken hielten sich in Grenzen, ich versuchte die Situation positiv zu sehen und sah mich mit Rekordzeit durch Rückenwind über die Laufstrecke eilen. Dennoch behielt ich die Sache im Auge und verfolgte den Wirbelsturm alle paar Stunden im Internet. Über eine halbe Million Menschen wurden in Sicherheit gebracht; "Paloma" erreichte mit 200 km/h die Südostküste von Kuba, schwächte sich ab und verschwand in Richtung Golf von Mexiko.  -  Zwei Tage später ging der Flieger Richtung Karibik.

Mein Reiseführer aus dem Dorling-Kindersley-Verlag ist ein attraktives und informatives Taschenbuch. Die Hurrikan-Zeit ist dort mit September und Oktober angegeben. Dabei handelt es sich aber um Schönschreiberei. Tatsächlich wird die Wirbelsturmzeit in seriösen Angaben bis Ende November gerechnet.

Die Kuba-Gruppe der Reisezeit in HavannaBeim Laufreiseveranstalter Reisezeit hatte ich eine zweiwöchige Reise nach Kuba gebucht. In die erste Woche mit Stadtbesichtigung, Ausflug nach Pinar del Rio (Westkuba), Playa Santa Maria und den "Wirkungs"-stätten von Hemingway fiel auch die Laufveranstaltung Marabana/Maracuba. Der zweite Teil umfasste eine Rundreise mit anschließender Erholung in Varadero. Nach 1200 Kilometern Busfahrt durch den Osten Kubas mit den wichtigsten Stationen Cienfuegos, Trinidad, Insel Santa Maria und Santa Clara, kam die Entspannung auf der Halbinsel Varadero den meisten Teilnehmern recht gelegen.

Jedes Jahr am dritten Novemberwochenende findet in Havanna der Marabana (42-, 21-, 15- und 10-Kilometerlauf) und am Vortag auf ganz Kuba die Massenveranstaltung Maracuba über 5 Kilometer statt. Die Halbmarathonstrecke führt vom Capitolio (Kapitol) über den Malecón (Uferpromenade) und durch Havanna zurück zum Capitolio. Marathonläufer drehen zwei Runden durch die Stadt.

Samstag war der Tag der Startnummernausgabe. Der Bus brachte die 38 Teilnehmer unserer Gruppe zum Empfang der Unterlagen zum Arkadengang vor dem Sala Polivalente Kid Chocolate gegenüber dem Capitolio. Auf der Straße dazwischen herrschte eine Bombenstimmung und viel Gedränge: Der Lauf Maracuba stand kurz vor dem Start. Höchste Zeit für den Berichterstatter und Fotoreporter aus Hänigsen, die Arbeit aufzunehmen. Aber den traf es wie ein Blitz aus heiterem Himmel: "Memory access error" war die Hiobsbotschaft auf dem Display der Kamera. Das Ding war bockig. Wollte seinen Dienst nicht tun. Den ganzen Tag lang nicht. Am nächsten Tag, dem Lauftag, immer noch nicht. Dabei sollte der Apparat doch das Geschehen auf der 21-Kilometer-Strecke dokumentieren. Ratlosigkeit machte sich breit. Die Companeros aus der Gruppe konnten auch nicht helfen. Mit dem Gedanken, ich könnte ja im nächsten Jahr zum Fotografieren wiederkommen, ergab ich mich meinem Schicksal.

Christel Schemel ist die Geschäftsführerin der Reisezeit und begleitet ihre Gruppe vom ersten bis zum letzten Tag. Sie spricht fließend Spanisch und hat Kontakte zu Kubanern im Sportbereich aufgebaut. Ihr war es zu verdanken, dass die deutsche Laufgruppe einen intimen Blick hinter die Kulissen des Sportzentrums Sala Polivalente Kid Chocolate werfen konnte. Vor diesem Sportzentrum findet im Arkadengang die Ausgabe der Startunterlagen statt. Das ist für den Auslandsgast eine verwirrende Angelegenheit. Besonders dadurch, das vor dem Gebäude der Maracuba abläuft. Es herrscht dichtes Gedränge, Hinweisschilder sucht man vergebens und wenn man nicht spanisch spricht, ist man ziemlich aufgeschmissen. Diese Herausforderung wurde tadellos von Christel in Kooperation mit Sportlern des kubanischen Organisators und Läufern aus der Reisegruppe gemeistert.

Ich bin kein großer Freund von Nudelpartys. In Kuba sollte man sich diese Veranstaltung aber nicht entgehen lassen. Sie findet in den Räumlichkeiten des Estadio Latinoamericano in Havanna statt. Dort werden die Nudelteller und Getränke den weit gereisten Sportlern serviert. Hier kann man dann schon mal die Getränkeaufnahme für den nächsten Tag trainieren. Dabei muss die Flüssigkeit aus einem robusten kleinen Beutel ohne Hilfe von Werkzeugen in den Körper befördert werden.   -   In den Körper, nicht über den Körper.

Die Wetterstatistik gibt für Havanna für November die Tageshöchsttemperatur mit 27 °C und die Tagestiefsttemperatur mit 21 °C an. An jedem Tag des zweiwöchigen Aufenthalts schien die Sonne  -  bis auf den ersten Sonntag, dem Lauftag. Das sah nun nicht sehr freundlich aus, war aber für den Temperaturhaushalt der Athleten optimal. Nur der starke Wind auf dem sieben Kilometer Teilstück auf dem Malecón war weniger angenehm.

Der Maracuba wird gestartet. Im Hintergrund das Capitolio. Gleich nebenan das ... ... Gran Teatro de La Habana.

Pünktlich um sieben Uhr fiel für alle Distanzen der Startschuss zur "Stadtbesichtigung" Havannas vor der attraktiven Kulisse des Capitolio. Das Capitolio ist das imposanteste Gebäude Lateinamerikas. Es wurde 1929 eingeweiht, ist dem Capitol in Washington nachempfunden, aber noch größer. Kurze Zeit später passieren die Läufer die nicht weniger beeindruckende Kulisse des Gran Teatro de La Habana und gelangen zum Paseo del Prado. Im Jahr 1772 hat ein spanischer Adliger diese erhöhte Flaniermeile anlegen lassen. Farbiger Boden, Marmorbänke, Bronzelöwen, elegante, reich verzierte Straßenlaternen unter einer Doppelreihe von Bäumen lassen eine prachtvolle Vergangenheit erahnen.

Der Wind nimmt nun konstant zu und schlägt den Sportlern beim Erreichen des Malecón voll ins Gesicht. Die Laufstrecke knickt nun zwar im rechten Winkel ab, aber jetzt wird es zeitweise ein wenig feucht. Brecher prallen gegen die Ufermauer und schleudern das Wasser stellenweise 5 bis 10 Meter in die Höhe.

Bei der Renovierung Havannas wird man in erster Linie in der Altstadt aktiv und erreicht schöne Erfolge. Der Stadtteil auf der linken Seite der Laufstrecke, Centro Habana, wartet ganz offensichtlich schon mindestens 40 Jahre auf eine Sanierung. Abnutzung und Verfall ist hier das normale Stadtbild. Selbst für die erste Reihe der Häuser an der weltbekannten Uferpromenade fehlen die Mittel.

Von der rechten Seite bläst ununterbrochen der Wind über den Golf von Mexiko. Bei Kilometer 4,5 taucht nun ein Gebäude mit einem Wald schwarzer Fahnen davor auf (23°08´45,24´´ N   82°23´12,36´´ W). Am Vortag habe ich bei der Stadtbesichtigung erfahren, dass es sich um die verlassene amerikanische Interessenvertretung handelt. Die Fremdenführerin ist darauf nicht weiter eingegangen. Dadurch war ich nun neugierig geworden und habe später daheim recherchiert.
Die Spannungen zwischen Kuba und den USA sind seit vielen Jahren bekannt. Verbale Ausfälle gehören zur Tagesordnung, irgendwann kamen Schilder dazu, die Gegenseite zu brüskieren. Später wurde vor der Vertretung der Antiimperialistische Platz José Marti angelegt. An dessen spitzem Ende stellte man ein Denkmal auf: Der Dichter und Freiheitskämpfer Jóse Marti (gestorben 1895) hält in seinem Arm ein stark unterernährtes Kind, sein rechter Arm weist mit ausgestrecktem Finger auf die US-Vertretung. Anfang 2006 installierten die Amerikaner an ihrem Gebäude eine Tafel mit Laufschrift (1,5 m hoch und 25 Fenster breit). Die angezeigten kurzen Nachrichten waren über große Entfernung auf dem Malecón zu lesen und gefielen der kubanischen Regierung überhaupt nicht. Vor dem Gebäude der Amerikaner wurden nun 138 Fahnenmasten, 20 Meter hoch, errichtet und schwarze Fahnen mit weißem Stern drangehängt. Von nun an orgelte das Nachrichtenband hinter flatternden Fahnen fast ungelesen. Zwischendurch wurde den Amerikanern immer mal wieder das Wasser oder der Strom abgestellt bis sie das Haus verließen. Heute vertritt die Schweizer Botschaft die amerikanischen Interessen.

Weiter geht´s auf dem Malecón, bis bei Kilometer acht eine Spitzkehre kommt und die Strecke kurvenreicher wird. Die Läufer passieren auf diesem Abschnitt den Cementerio Cristóbal Colón, den größten Friedhof Lateinamerikas. Eine viertel Stunde weiter taucht der Umriss der Ciudat Deportivo (Sportstadt) auf. Auf dem riesigen Gelände sind zu früher Stunde schon einige Athleten aktiv. Die Laufsportler müssen vom Kreisel aus zwei Kilometer zurücklegen, um das weitläufige Areal zu umrunden.

Von dem weithin sichtbaren Denkmal von Jóse Marti auf der Plaza de la Revolución sind es nur noch vier Kilometer bis zum Capitolio. Über dem Denkmal kreisen wie immer in den letzten Tagen die Geier. Der Verkehr hat erheblich zugenommen und staut sich auf der nicht gesperrten Straßenseite. Fußgänger (nicht Zuschauer) bevölkern nun in größerer Zahl die Straße, wirken aber distanziert. Genauer gesagt, desinteressiert.

Läuferinnen und Läufer kämpfen trotz Geier und verschlossener Fußgänger entschlossen weiter und bilden eine verschworene Gemeinschaft. Ein einheimischer, durstiger Läufer vor mir (mit schwachem Zahnstatus) bittet seinen Kameraden um Hilfe. Der beißt ihm die Trinktüte auf und rettet ihn so vor drohender Dehydrierung.

Das Feld erreicht den Parque de la Fraternidad. Die Geräuschkulisse vor dem Capitolio ist unüberhörbar. Noch einmal links abgebogen und nach 200 Metern ist das Ziel erreicht  -  für mich und die anderen Halbmarathonläufer. Marathonläufer können sich die Strecke noch einmal genauer ansehen.

Coco locoZwei Tage nach dem Laufereignis kam Carlos Gattorno, der Laufdirektor des Marabana, in das Hotel der Reisezeitgruppe. Mitgebracht hatte er den Präsidenten der Kampfrichter aller Sportarten Kubas, Herrn Fautino. Mit ihm überreichte er in schon fast feierlicher Atmosphäre die Urkunden an die Athleten der Reisegruppe aus Deutschland. Herr Gattorno hat souverän (über Dolmetscher) eine Rede über Marabana, Maracuba und die ständige Bedrohung durch Hurrikans und die USA gehalten. Beifall kam brav von den Zuhörern. Im Wesentlichen war das Treffen ein schöner Abschluss einer besonderen Laufveranstaltung. Gestört haben mich in dieser Runde nur Gattornos politische Äußerungen. Die haben bei einer Urkundenausgabe nichts zu suchen. Zu schnell wäre der Friede gestört, wenn ein Gegenpart mit gleicher Vehemenz seine politische Einstellung geäußert hätte. Vielleicht sollte man den Olympischen Frieden auch hier einmal versuchen.

Mojito: kuban. Nationalgetränk.Cocktail aus hellem Rum, Limettensaft, frischer Minze, Rohrzucker und Eis.
Coco loco: "verrückte Kokosnuss". Heller Rum und Ananassaft wird in eine Kokosnuss geschüttet und serviert.

An sich ist eine Laufveranstaltung unter Kokospalmen schon erlebnisreicher als unter (den) Linden. Dazu kam die nette Gemeinschaft der Laufreisegruppe. "AI" ließ Mojito, Cubra libre und andere Flüssigkeiten stärker sprudeln (drei Geburtstage) als im normalen Läuferalltag. Ganz besonders wird sich die Abschiedsfeier im Hotel Arenas Doradas in Varadera bei allen Teilnehmern eingeprägt haben. Nach dem festlichen Essen gab´s Coco loco für jeden zum Abschied von zwei Wochen Karibik. Am frühen Nachmittag brachte der Transferbus die Teilnehmer zum Flughafen nach Havanna. Bei mir dauerte der Flug Havanna/Paris 9 1/2 Stunden und Paris/Hannover 1 1/2 Stunden. Vom Hotel bis zu meiner Haustür war ich 18 Stunden unterwegs.
Einen Bericht über die Woche mit der Rundreise wird es nicht geben. Der Webspace des Schreibers ist einfach zu klein.


14 Fotos von der Laufveranstaltung Marabana/Maracuba gibt´s im Webalbum unter/ Insert the following line in your browser and you can see 14 pictures of the Havanna-Running-Event:
http://picasaweb.google.com/sandrunner6/LaufveranstaltungMarabana?authkey=Zbe0aNYky-Q&feat=directlink

13 Fotos Havanna und Kuba gibt´s im Webalbum unter/ Insert the following line in your browser and you can see 13 pictures of Havanna and Cuba:
http://picasaweb.google.com/sandrunner6/Kuba?authkey=sSnrwTzyqK8&feat=directlink

Finisher!   Marabana 2008
42 km
21 km
15 km
10 km
Summe
177
979
9
311
1476
Rainer Lingemann

Hintergrundfoto mit Chevrolet Bel Air ´56. Das ist das Auto mit den Heckflossen, die als Flügel ausgebildet sind.     D a s  Traumauto des Schreibers seit seiner Kindheit

Muchisimas gracias an die Companeros Michael + Heidi Vogel und Stephan Steyer für die Fotos, die sie mir für diesen Bericht zur Verfügung gestellt haben.